Wie lässt sich das Verhältnis
zwischen Menschheit und Erde heute angemessen beschreiben? Diese Frage ist
dringender geworden, weil menschliches Handeln inzwischen die Dynamik des
Planeten in einem Ausmaß prägt, das nicht mehr als bloßer „äußerer Einfluss“
auf eine getrennte Natur verstanden werden kann. Wer die Gegenwart verstehen
will, muss daher mehr tun, als Natur und Gesellschaft nebeneinanderzustellen.
Es gilt zu begreifen, wie tief beide miteinander verflochten sind.
An diesem Punkt setzt die
Überlegung dieses Buches an. Ihr Ausgangspunkt ist einfach, aber weitreichend:
Menschen und andere Lebewesen leben gemeinsam in einem einzigen planetarischen
Lebensraum. Dieser Lebensraum ist nicht nur eine äußere Umgebung. Er ist die
Voraussetzung ihres Daseins. Unter den heutigen Bedingungen eines vom Menschen
mitgeprägten planetarischen Wandels zeigt sich dieses gemeinsame Dasein in
materiellen, politischen, technischen und kulturellen Beziehungen. Menschliche
Praktiken greifen nicht nur in natürliche Prozesse ein; sie sind bereits mit
ihnen verwoben.
Deshalb reicht der klassische
Gegensatz von, „Natur“ versus „Gesellschaft“, analytisch nicht mehr aus. Er
erfasst nicht, wie eng menschliches Handeln, technische Infrastrukturen,
institutionelle Ordnungen und Erdsystem-Dynamiken miteinander verbunden sind.
Mehr noch: Er erleichtert es, normative Fragen auszublenden. Wenn Natur und
Gesellschaft als getrennte Bereiche erscheinen, lässt sich Verantwortung leicht
verschieben. Das eine Feld gilt dann als Sache der Naturwissenschaften, das
andere als Angelegenheit der Politik oder der Kultur. Dabei geraten die
tatsächlichen Beziehungen aus dem Blick, durch die beide miteinander verbunden
sind.
Stattdessen ist eine integrierte
Beschreibung erforderlich. Im Zentrum steht der Gedanke eines Nexus zwischen
der menschlichen Welt und der natürlichen Erde. Dieser Nexus ist weder ein Ding
noch ein neues ontologisches Objekt. Er ist ein Erkenntniswerkzeug: ein
Begriff, der hilft zu beschreiben, wie der planetarische Lebensraum bewohnt,
gestaltet und geregelt wird. Sein Vorteil liegt darin, dass er keine starren,
geschlossenen Systeme voraussetzt. Er arbeitet mit offenen Grenzen, wechselnden
Konfigurationen und Elementen, die zugleich in verschiedenen Zusammenhängen
auftreten können.
Das ist wichtig, weil viele
prägende Gegenstände unserer Zeit nicht eindeutig einem einzigen Bereich
zugeordnet werden können. Ein Süßwasser-Stausee etwa ist zugleich ein
materielles Bauwerk, eine technische Infrastruktur, ein Instrument politischer
Steuerung, ein Gegenstand rechtlicher Regelung, ein Ausdruck gesellschaftlicher
Ziele und ein Eingriff in hydrologische Prozesse. Ähnliches gilt für Häfen,
Rechenzentren, Standards oder Regulierungsbehörden. Solche Gebilde zeigen die
Grenzen von Modellen, die die Welt sauber als in ineinandergeschachtelte
Sphären darstellen. Der Nexus-Gedanke setzt deshalb bei den Beziehungen selbst
an.
In dieser Sichtweise gewinnt der
Begriff der Anthroposphäre besonderes Gewicht. Gemeint ist jener Teil des
planetarischen Lebensraums, in dem menschliches Leben in Nischen organisiert
ist, die aus Menschen, Kulturen, Institutionen und der gebauten Umwelt
bestehen. Diese Nischen verändern biophysikalische Prozesse, so wie sie selbst
von ihnen beeinflusst werden. Kulturelle, soziale und ethische Praktiken
erscheinen daher nicht mehr bloße Zusatzfaktoren. Sie gehören vielmehr zu den
inneren Eigenschaften der bewohnten Erde.
Daneben stehen die Begriffe
Technosphäre und Ergosphäre. Sie machen sichtbar, auf welchen
materiell-operativen Grundlagen menschliche Lebensformen beruhen:
Infrastrukturen, Netzwerke, Geräte, Routinen und organisatorische Anordnungen,
durch die sich die Verteilung von Energie, Materie und Entropie verändert.
Zusammengenommen helfen diese Begriffe, materielle Grenzen und Möglichkeiten,
gesellschaftliche Zwecke und menschliche Eingriffspunkte zu unterscheiden, ohne
sie künstlich voneinander zu trennen.
Für die Erd- und Geowissenschaften
hat diese Sicht weitreichende Folgen. Mit der Entwicklung der
Erdsystemwissenschaft, der Debatte um das Anthropozän und der Formulierung
geoethischer Fragen ist deutlich geworden, dass tellurische Erddynamiken und
gesellschaftliche Organisation nicht länger getrennt gedacht werden können.
Wissenschaftlich ist es nicht mehr tragfähig, die Erde nur als
physikalisch-chemisches System zu behandeln und die menschliche Gesellschaft
lediglich als äußere Störung zu betrachten.
Um diese Einsicht zu schärfen,
schlägt das Buch ein idealtypisches Analysewerkzeug vor. Es unterscheidet vier
Bereiche. Erstens einen tellurischen Bereich, der natürliche Prozesse sowie die
in ihnen angelegten Möglichkeiten und Grenzen umfasst. Zweitens einen sozialen
Bereich, der Beziehungen wie Koordination, Konflikt, Autorität und Macht
umfasst. Drittens einen artefaktischen Bereich, der die von Menschen
hervorgebrachten materiellen und symbolischen Konfigurationen umfasst,
einschließlich kodifiziertem Wissen und symbolischen Ressourcen. Viertens einen
konzeptuellen Bereich, der mentale Konzepte umfasst: Ideen, Weltbilder, Träume
und Vorstellungen.
Für den Gesamtansatz sind vor allem
der artefaktische und der soziale Bereich zentral. Besonders häufig führt der
Zugang über die dinghaften Züge des Artefaktischen. Dieser Bereich markiert den
Übergang zwischen dem Tellurischen, also den Eigenschaften des Planeten Erde,
und dem Tellurianischen, also dem Wohnen und Handeln auf der Erde. Im
artefaktischen Bereich verdichten sich Infrastrukturen, Standards, Geräte,
Routinen, Protokolle, Modelle und Erzählungen. Hier treffen materielle
Bedingungen, soziale Beziehungen und begriffliche Ordnungen in der Praxis
zusammen. Menschengemachte Artefakte sind in diesem Sinne nicht nur Dinge. Zu
ihnen gehören auch standardisierte Verfahren, eingespielte Praktiken und
kulturell wirksame Deutungsweisen.
Damit verändert sich auch die
Beschreibung des menschlichen Lebens auf der Erde. Der planetarische Lebensraum
erscheint nicht mehr als statischer Behälter, sondern als komplexe,
anpassungsfähige Konfiguration, in der die vier Bereiche einander
hervorbringen. Sie lassen sich analytisch unterscheiden, sind aber nicht
wirklich voneinander abgetrennt. Gegenstände und Eigenschaften verbinden sich,
entfernen sich zeitweise voneinander, stabilisieren sich erneut und werden
durch Innovation, Krise, Politik und kulturelle Neuinterpretation umgeformt.
Hier ergänzt der Begriff der Assemblage den Systembegriff: Er verweist auf
teilweise und vorläufige Schließungen, die weder fest noch vollständig sind.
Aus dieser theoretischen
Perspektive ergibt sich auch ein praktischer Horizont: Geo-Bürgersinn, oder
geo-civicness. Gemeint ist eine Denkweise, die menschliches Mitwohnen auf der
Erde angemessener erfasst als Debatten, die weiterhin fragen, wie das Soziale
auf die Natur oder umgekehrt wirkt. Geo-Bürgersinn fragt danach, wie Menschen
in tellurische, technische, institutionelle und symbolische Anordnungen
eingebettet sind, die den planetarischen Lebensraum selbst mit hervorbringen.
Sichtbar wird dies an Beispielen
wie dem Columbian Exchange, dem weltweiten Bau großer Staudämme, dem Montrealer
Protokoll zum Schutz der Ozonschicht, dem Tiefseebergbau, dem
Meeresspiegelanstieg oder der Atlantischen Umwälzzirkulation. Solche Beispiele zeigen:
Geowissenschaftliche Einsichten und soziokulturelle Ordnungen stehen nicht
getrennt nebeneinander. Zusammen erzeugen sie Deutungsrahmen und
Handlungsformen.
An diesem Punkt wird die
geoethische Bedeutung des Ansatzes deutlich. Geoethik erscheint hier nicht als
moralischer Kommentar, der dem wissenschaftlichen Wissen nachträglich
hinzugefügt wird. Sie wird zu einer Sprache, mit der sich geo-gesellschaftliche
Verantwortung unter Unsicherheitsbedingungen ausdrücken lässt. Sobald der
planetarische Lebensraum als gemeinsame, materiell begrenzte und politisch
umstrittene Wohnbedingung verstanden wird, lassen sich Fragen der
Verantwortung, der Beteiligung und der gemeinsamen Gestaltung nicht mehr
vermeiden.
Am Ende steht daher kein
geschlossenes Weltbild, sondern eine Heuristik: ein begriffliches Werkzeug für
eine erdbezogene geo-bürgerschaftliche Praxis. Es hilft, zwischen
planetarischen Bedingungen, sozialen Ordnungen, artefaktischen Infrastrukturen
und symbolischen Regimen zu wechseln, ohne deren Verflechtung aus dem Blick zu
verlieren. Darin liegt vielleicht seine größte Stärke: nicht darin, eine
komplexe Welt zu vereinfachen, sondern darin, eine Sprache zu entwickeln, die
dieser Komplexität besser gerecht wird.
No comments:
Post a Comment